Die Ärsche plattgesessen...-Nadima, Pia, Sonja, Julia (Teil 2)

Wie wurde man Sprecherin?
Sonja: Wir haben gewählt. Wie man einen Klassensprecher wählt.
Nadima: Ich weiß nicht so recht. Habt ihr damals denjenigen vorgeschlagen, weil ihr selbst nicht wolltet?
Sonja: Ich wollte nie Sprecher sein.
Nadima: Ich schon, aber Pia nie.
Julia: Eigentlich hatte man doch die Wahl?
Nadima: Ja, man konnte ablehnen.
Pia: In der Regel war es die „ältere“ Generation der Kinder. Die aus dem euphorischen Alter mit Ponies und Herzchen rausgewachsen war.
Sonja: So mit 15, 16 Jahren.
Pia: Kurz bevor man gegangen ist. Siggi: Nicht nur die Ältesten, sondern aus jeder Altersgruppe konnte eine das werden.
Sonja, Nadima: Das war später Siggi!

Welche Aufgaben hatten die Sprecherinnen?
Pia: Das waren so eine Art Klassensprecherinnen. Eigentlich sollten Kinder, die Probleme mit den Erwachsen haben, sich mit den Sprecherinnen beraten können. Diese hätten anschließend versucht das Problem gemeinsam zu klären. Umgesetzt wurde es selten. Meistens hat man es selbst gespürt, wenn etwas nicht gestimmt hat. Dann wurde man zickig oder patzig. Da hat Siggi einen meistens mit ins Büro genommen und das wurde ausdiskutiert bis es wieder ok war. Siggi: Dann hattet ihr noch eine wichtige Funktion in der Öffentlichkeitsarbeit.
Julia: Ach ja, da haben wir mal an 665 Abgeordnete Briefe geschrieben.
Sonja: Vier Stunden haben wir gesessen und unterschrieben. Am Anfang war der eigene Name voll schön, später nur noch SZ, SZ.
Julia: Es ging mal wieder um Geld, um das wir gebeten haben.
Pia: Damit die Farm hier bleiben kann. Da haben wir wieder einen Kampf geführt gegen unsere Schließung. Ich glaube wir sind schon echte Freiheitskämpferinnen geworden. (Lacht)

Was heißt das?
Pia: Ich glaube, es verging nicht ein Jahr, wo es sicher war, dass unsere Farm bestehen bleibt. Immerzu sollte schwer gekürzt oder sie plattgemacht werden. Da sind wir dann halt immer dagegen angegangen. Wir haben demonstriert und Eltern, sowie Verwandte motiviert uns zu unterstützen. Wir haben das nach außen getragen.
Nadima: Wir haben uns die Ärsche platt gesessen in den Bezirksverordnetenversammlungen.
Wir haben hier ja nicht nur gelernt, unsere Konflikte auszutragen, sondern auch die Konflikte nach außen hin. Konflikte der Farm mit der Stadt Berlin, mit dem Bezirksamt, mit Bürgermeister Spiller und mit vielen anderen in der Politik. Auf jeden Fall habe ich in den Kinderversammlungen das Zuhören gut gelernt. Das hilft mir jetzt in meinem Job bei langen Sitzungen.
Pia: Ich habe gelernt, mit offenen Augen zu schlafen.
(alle lachen).
Gespräch mit Eva Herbst, Siegfried Kühbauer


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