Neue Familie?- Sprecherinnen (Teil 3)

Meine andere Familie

Vier ehemalige Sprecherinnen der Kinderversammlungen verraten warum sie so gerne auf die Weddinger Kinderfarm kamen.

Sonja, 20 Jahre: Ich bin jetzt wieder jeden Tag hier. Wegen der Ponies. Ich kann sie nicht vergessen. Und wegen den Kindern. Mir macht es Spaß mit ihnen zu arbeiten. Ich gebe Reitunterricht, helfe beim Umgang mit den Ponies und auch beim Misten.
Julia, 19 Jahre: Wir waren hier jeden Tag. Im Sommer war es Gang und gäbe. Vielleicht ist man noch kurz nach Hause gegangen, dann auf die Farm bis 18 Uhr oder länger. Am Wochenende waren wir gleich um 10 Uhr vor der Tür. Wir haben hier auch nicht nur die Tiere versorgt, sondern auch gespielt. Abends zum Beispiel Plumpssack, Verstecken oder Volleyball bis zum Abwinken. Der Zusammenhalt war Klasse.
Nadima, 22 Jahre: Das hier war ein guter Ausgleich zu allem Anderen, zum Ballett oder Gesang.
Pia, 20 Jahre: Bei mir war es das Einzige was ich gemacht habe. Alle meine Freunde waren hier und die Ponies. Wie das bei Mädchen so ist, in einer gewissen Phase.
Nadima: Deshalb hast du ja jetzt auch eine Spardose auf vier Beinen!
Pia: Ja ich habe mein eigenes Pferd. Deshalb komme ich nicht mehr so oft hierher. Früher hat sich hier aber alles getroffen. Auch seine Konflikte hat man hier besprochen. Wenn man zum Beispiel Ärger hatte zu Hause, waren dann viele da, die einem zugehört haben.
Nadima: Eine aus unserer Schule hat uns mal mit hierher genommen. Dann hat es sich so eingebürgert zu kommen. Weil Tiere und so, ja das hat man sonst nicht in der Stadt. Wir vier hatten alle unsere Pflegeponies. Wir hatten auch mal Stress unter uns allen. Aber meist war es so: Raus aus der Schule, nicht nach Hause, sondern hierher in eine andere Familie mit Gleichaltrigen und Jüngeren, denen man helfen konnte oder Älteren, die einem was zeigen konnten. Miranda war mein Pflegepony. Später haben wir dann die Tiere zum Pflegen getauscht. Jeder hatte dann einen Monat lang die Hasen, dann die Ziegen oder die Hühner. Sonja, du warst ja die „Gänselady“. Im Winter hast du versucht auf ihrem Teich zu laufen. Im Sommer wolltest du darin baden (Brr). Wir hatten auch mal einen Jungen hier: Stefan. Nach einem halben Jahr hat er nicht mehr mit uns geredet, weil wir seine Stiefel vergraben haben (lacht). Jungs waren ohnehin eher Mangelware hier.
Sonja: Das sind sie heute noch.
Nadima: Auf jeden Fall ist es so: man ist hier, liebt es und später vermisst man es.
Ich war jetzt aber lange nicht mehr da. Mit 16, 17 Jahren habe ich aus persönlichen Gründen aufgehört hierher zu kommen. Ich war viel in Deutschland unterwegs und habe bei verschiedenen Plattenfirmen gearbeitet. Das hätte ich wahrscheinlich alles nicht gemacht und vor allem nicht so meinen eigenen Kopf entwickelt, wenn ich nicht so jemanden wie Siggi gehabt hätte. Der hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Zugleich hat er mir aber auch gezeigt, was ich machen kann. Er hat mir Selbstvertrauen gegeben. Da ich keinen Vater hatte, war das ganz wichtig für mich. Was mich noch mit der Farm verbindet- ich habe meine erste Liebe gefunden. Dennoch - anfangs waren es mehr die Tiere, die mich in der Großstadt gehalten haben. Aber im Nachhinein merke ich immer mehr, das es eher die Menschen waren, die mich geprägt haben. Gerade mit 14, 15 Jahren richtet man sich doch sehr nach ihnen.

Dezember 2002
Gespräch mit Eva Herbst


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